Psychosomatik

Das Zusammenspiel von Seele und Körper

Bereits in der griechischen Philosophie war der Gedanke von Einwirkungen der Psyche und des Geistes auf den Körper durchaus geläufig. In der Romantischen Medizin Beginn 19. Jhdt. kam dann der Begriff “Psychosomatische Medizin” auf, blieb jedoch ohne breiteren Einfluss. Neu eingeführt wurde der Begriff “Psychosomatische Medizin” Anfang dieses Jhdts. 1948 erfolgte dann die Gründung der ersten Psychosomatischen Klinik an einer deutschen Universität in Heidelberg. Seither entwickelten sich verschiedene Ansätze.

Ein für die heutige Zeit sehr wichtiger Ansatz ist das Stressmodell. Psychosomatische Krankheiten werden dabei als Reaktion auf körperliche, wie auch auf seelische Reize aufgefasst. Stress wird zunächst als allgemein wirksamer Reiz aufgefasst (Körperlich z.B. Lärm, Kälte; Seelisch: z.B. Verlusterlebnis). Wobei Stress heute im umfassenden Sinn des “psychosozialen Stresses” verwendet wird.

Was ist nun eine Psychosomatische Erkrankung?

Wenn psychische Faktoren die Entstehung und den Verlauf körperlicher Erkrankungen beeinflussen spricht man von Psychosomatischen Erkrankungen. Das heißt aber auch, dass die Zuordnung infolge einer medizinischen Untersuchung erfolgt. Patienten nehmen in erster Linie körperliche Störungen und Beeinträchtigungen wahr und wenden sich aufgrund dessen auch zunächst an den zuständigen Experten; d.h. sie suchen praktische Ärzte oder Fachärzte, so auch HNO-Ärzte auf, aber sicher nicht zuerst einen Psychologen oder Psychotherapeuten.

Es gibt auch empirisch belegte medizinisch beschreibbare Variablen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit mit bestimmten psychologischen Prozessen verbunden sind.

Zwar ist ein wesentlicher Schwierigkeitsfaktor, dass sich Patienten der Aufdeckung eines psychodynamischen Zusammenhangs, meist unterbewusst, widersetzen. Das ist insofern verständlich, da das körperliche Symptom, wenn es Ausdruck eines innerpsychischen Konflikts ist, dazu dient diesen mit Hilfe der “Organsprache” zu bewältigen. Leider meinen auch noch viele Menschen seelische Probleme zu haben bedeutet “verrückt” zu sein. Tatsache ist, dass eine Beteiligung psychischer Faktoren an einem Krankheitsgeschehen absolut nichts mit “verrückt” oder “abnormal” zu tun hat, sondern Ausdruck der heutigen Gesellschaft und ihren Anforderungen an den Menschen sein kann. Somit ist ein wesentlicher Aspekt die “Normalisierung” des Begriffes “Psycho…” – sobald es gesellschaftlich nicht diskriminierend erscheint, lassen sich Menschen auch leichter drauf ein.

Wie sehen nun Risikofaktoren in Bezug auf Psychosomatische Erkrankungen aus?

Wovor sicher kein Mensch geschützt ist sind die s.g. Life Events – Lebensveränderungen werden zum Krankheitsrisiko, wenn sie weder voraussagbar, noch kontrollierbar sind und die Betroffenen über geringe innere (persönliche) und äußere (soziale) Ressourcen verfügen um eine Beruhigung zu erreichen, oder das Gefühl der Bedrohung ausgleichen zu können. Dieses Gefühl das meist mit gravierenden Veränderungen verbunden ist, ist ein sehr starkes Risiko, z.B. der Tod des Ehepartners oder einer sehr nahestehenden Person, Trennungen, Arbeitslosigkeit etc. Wobei die subjektive Bedeutung des Lebensereignisses für den Betroffenen ausschlaggebend ist.

Es stellt sich die Frage, warum kommt es aber nur bei einigen gefährdeten Personen zum Ausbruch einer psychosomatischen Erkrankung, bei anderen aber nicht?

Man kann davon ausgehen, dass bestimmte Menschen über angeborene oder erworbene Prädispositionen (Organschwäche oder Funktionsdefizit) verfügen, die jedoch zunächst ohne Krankheitswert sind. Ein mögliche Erklärung ist, wenn ein Mensch unter starker oder lange anhaltender seelischer Belastung steht, werden s.g. “Stresshormone” ausgeschüttet. Diese Hormone wirken sich negativ auf das Immunsystem aus und dieses wird geschwächt. D.h. die Abwehrkräfte lassen nach und es kann zu Erkrankungen kommen.

Es ist jedoch unzulässig sich einen Risikofaktor herauszugreifen, da fast immer eine Vernetzung mehrerer Faktoren vorhanden ist und der ganzheitliche Organismus unter den Aspekten der verschiedenen medizinischen Fächer betrachtet werden muss.

 

Bei Berücksichtigung der Interaktion von körperlichen Dispositionen, gegebenen Umweltfaktoren und individueller Verarbeitung sind in Bezug auf HNO-spezifische Erkrankungen, wie Hörsturz, Tinnitus, Schwindel, Morbus Meniere und Facialis Parese folgende psychogen mitbedingende Faktoren aufgefallen, die in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Eintreten der Erkrankung stehen, oder Verhaltensmerkmale darstellen:

  • Rationalisierungsmaßnahmen und/oder die allgemeinen Folgen davon: Mehrarbeit, Angst vor Arbeitsplatzverlust, Umstrukturierung; Mobbing, Arbeitslosigkeit,…
  • unbefriedigende Arbeitsbedingungen, „70 Stundenwoche“ und somit zu wenig Freizeit
  • eigene Bedürfnisbefriedigung und „Zeit für sich selbst haben“ wird aufgrund verschiedenster Gründe zurückgestellt (Kinder, Haushalt, Arbeit, Finanzen, Prestige,…)
  • Todesfälle
  • Trennungen und Partnerschaftskonflikte
  • eine überperfektionistische Einstellung „150% sein“, hohe Leistungsanforderungen an sich selbst, hohe soziale Konformität und Normorientierung, hohe soziale Orientierung mit der Tendenz sich gefühls- und anforderungsmäßig nicht genügend abgrenzen zu können, starke gedankliche Weiterbeschäftigung mit diversen (Alltags-) Ereignissen, ständiger emotionaler Spannungszustand, Einsamkeit, Ängste…

 

Durch ständige seelische Überforderung provoziert der betroffene Mensch dann oft selbst belastende Lebensereignisse.

Befindet sich nun ein Mensch in einem solch psychophysiologischen Teufelskreis kann dieser durch die Inanspruchnahme klinisch-psychologischer, sowie psychotherapeutischer Unterstützung unterbrochen werden. Ziel einer psychologischen Intervention soll sein die

Selbsthilfekräfte von Menschen zu stärken, soziale Kompetenz und Eigenständigkeit aufzubauen und fachliche Stütze zu geben, damit der betroffene Mensch den Weg zum psychischen und physischen Wohlbefinden findet, statt aus Versehen die Wegabzweigung in die Psychosomatische Krankheit weiter zu beschreiten.

Abschließend ein Zitat aus einem Bericht der Psychosomatischen Fachklinik Bad Dürkheim:

In keinem anderen Erkrankungsbereich zeigt sich so deutlich, in welchem Ausmaß Veränderungen der gesellschaftlichen Werte, die individuellen Aufwachsbedingungen, die Beziehungen in der Familie und Partnerschaft und die Leistungsanforderungen im beruflichen und privaten Bereich miteinander verbunden sind. Die Erkrankungen und die spezifischen Problembereiche der Patienten in der Psychosomatik sind ein Spiegelbild unserer Gesellschaft mit ihren Widersprüchen und ihren wechselnden Ansprüchen und Forderungen an den einzelnen.

AutorIn: Mag. Beate Handler
Klinische- & Gesundheitspsychologin, Arbeitspsychologin
Psychotherapeutin – Verhaltenstherapie
1220 Wien, Leonard Bernstein-Str. 4-6/7
Homepage: www.psychotherapie-verhaltenstherapie.com
E-Mail: handlerb@lycos.de

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